Interview Holzcluster Steiermark: LEAN und Effizienz im Wertstrom

Im Juni startet die Seminarreihe „Wertstrom Baum bis Kunde“ vom Holzcluster Steiermark. Im März 2021 wurde Thomas Gimpel von Robert Pirker, Holzcluster Steiermark zum Thema der Seminarreihe interviewt.

Was haben Automobilbranche und Holzindustrie gemeinsam? Wo können Sie voneinander lernen und welche Arbeitsprozesse müssen verändert werden, um eine Effizienzsteigerung zu erzielen? Die „Seminarreihe „Wertstrom Baum bis Kunde“ bringt die Teilnehmer zu Gastgeberbetrieben, bei denen diese Fragen praxisnah beantwortet werden, oder Herr Gimpel?

Ing. DI (FH) Thomas Gimpel, Gründer und Geschäftsführer von LEAN MC, berät seit vielen Jahren sowohl die Auto- als auch Holzindustrie. Er wird gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Reisenhofer das Seminar leiten.

 

Das Projekt WoodC.A.R zielt unteranderem darauf, ab Holz- und Automobilbranche näher zusammenzubringen. Was sind für Sie die zentralen Erkenntnisse aus dem Projekt und welche Bedeutung haben Sie für Betriebe in unserer Branche?

Thomas Gimpel: Als zentrale Erkenntnisse sind 3 Punkte zu nennen:

  • Erkenntnis 1 – Holz ist berechenbar und modellierbar und kann somit die Anforderungen an Baugruppen in Mobilitätsangeboten erfüllen.
  • Erkenntnis 2 – Holz ist ein Naturwerkstoff und erfordert entsprechende Berücksichtigung in der Prozessteuerung und Prozessüberwachung im Kontext der industriellen Serienfertigung.
  • Erkenntnis 3 – Holz ist emotional aufgeladen und ist positiv belegt – ein wahrer Stimmungsmacher!

 

Zusätzlich wird aus meiner Sicht zu der seit den 2010er Jahren exponentiell steigenden Digitalisierung der Produktion und Warenwirtschaft die Verkettung aller Interessierten Parteien entlang des Wertstroms, dem sogenannten Value Stream, notwendig sein. Daraus ergeben sich für die holzverarbeitenden Betriebe neue Themengebiete und Fragestellungen. Beispielsweise das Runterbrechen der Kundenanforderungen auf die eigenen Anforderungen an Produkt und Produktion – Schlagwort Anforderungsmanagement. Oder der Umgang mit Risiken – Schlagwort Produkthaftung. Das Sicherstellen der Produktqualität im jeweiligen Produktionsschritt – Schlagwort funktionsorientierte Prozesssteuerung – wird ein weiterer Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg sein.

 

Sie kennen sowohl die Automobil- als auch die Holzbranche – wo liegen für Sie die größten Unterschiede in den Produktionsprozessen?

Thomas Gimpel: Wir dürfen seit 2013 aktiv in beiden Branchen mitarbeiten. Was den Automatisierungsgrad und die eingesetzten Verarbeitungstechnologen betrifft sind sich die beiden Branchen ebenbürtig. Die Unterschiede im Detail machen sich an 2 Punkten fest:

  • Automobilbranche – multikomplexe Endprodukte für Mobilitätsanwendungen mit global verkettender Lieferkette
  • Holzbranche – komplexe Endprodukte für meist statische Anwendungen in einer regional verkettenden Lieferkette

 

Daraus ergeben sich vor allem Unterschiede in der Interaktion Kunde zu Produktionsbetrieb und Lieferant zu Produktionsbetrieb. Während die Produktionsprozesse in der Automobilindustrie Stückzahlen im Bereich 10.000-150.000 Einheiten pro Jahr ausgelegt sind, sprechen wir in der holzverarbeitenden Branche von einer Spreizung von Losgröße 1 bis 10 Mio. Einheiten pro Jahr.
Ein Lösungsansatz welcher für beide Branchen gilt ist hier die Klarheit in den Inhalten je Produktionsschritt was die geforderten Prozess- und Qualitätskennzahlen betrifft.

 

LEAN-Methoden stehen für Effizienzsteigerung und mehr Wirtschaftlichkeit im Unternehmen. Welchen Mehrwert können die LEAN – Methoden für ein Unternehmen der Holzbranche haben? Kann jedes Unternehmen – egal welcher Größe – davon profitieren?

Thomas Gimpel: Wichtig: LEAN Methoden unterstützen die laufende Verbesserung und sichern dadurch langfristig Arbeitsplätze!
In der Anwendung und Skalierung gilt es natürlich das richtige Maß zu finden, abhängig nicht nur von Unternehmensgröße, sondern vor allem auch von den Wechselwirkungen zu den restlichen Partnern im Wertstrom – Kunde, Lieferant, Interne Fachbereiche. Der Mehrwert hinter der laufenden Verbesserung erklärt sich aus der systemischen Sichtweise, das durch die Einbindung aller Prozesspartner auch alle Prozesspartner profitieren und nicht – was oft mit Effizienz verbunden wird – ein Prozesspartner „stark“ ist und die anderen sich nach ihm richten müssen.

 

Die Seminarreihe ist auf vier Module mit verschiedenen Schwerpunkten aufgebaut, was erwartet die Teilnehmer dabei? Worin liegt der Vorteil direkt bei Gastgeberbetrieben zu sein?

Thomas Gimpel: Die Teilnehmenden lernen und erfahren praxisnah, wie Qualitätsarbeit entlang des Wertstromes vom Baum bis zum Kunden aktiv gestaltet werden kann. Die Lerninhalte werden im Rahmen eines Best-Practice-Ansatzes im Umfeld von Gastgeberbetrieben vermittelt. Die Schwerpunkte je Modul liegen wie folgt:

  • Modul 1 - Wertstrom Baum bis Kunde mit Fokus Kundenanforderungen
  • Modul 2 – Prozessplanung und Steuerung mit Fokus Produktionsanforderungen
  • Modul 3 – Fertigungsüberwachung mit Fokus Integriertes Qualitätsmanagement
  • Modul 4 – Inbetriebnahme im Kundenumfeld mit Fokus Kundenzufriedenheit

 

Bei den Gastgeberbetrieben stehen der Austausch innerhalb der Branche der holzverarbeitende Industrie in Kombination mit Austausch mit branchenfremden Unternehmen, welche auch als Gastgeberbetrieb fungieren im Mittelpunkt.

Das Interview finden Sie unter anderem auch hier.

Weitere Informationen zur Qualifizierungsreihe finden Sie unter: Wertstrom Baum bis Kunde – Holzcluster Steiermark | Holzcluster Steiermark (holzcluster-steiermark.at)

„Die Digitalisierung der Produktion und Warenwirtschaft wirft für holzverarbeitende Betriebe neue Fragestellungen auf.“

Thomas Gimpel

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